Weihnachten mit Hanni & Nanni 

Roswitha Zatlokal

 

(Textauszug)

 

Ein Weihnachtsfest aus der Sicht einer Katze

 

 

Herrchen schleppt den Baum von der Terrasse ins Wohnzimmer. Ausgiebig schärfe ich meine Krallen daran, während Herrchen mir erklärt, dass ich endlich ihr Eigentum respektieren soll. Nanni, meine Schwester, die am Stamm hochklettern will, wird schimpfend davon abgehalten. Frauli öffnet eine riesige Schachtel. Ich liebe Schachteln! Freudig springe ich hinein. Zu meiner Überraschung befindet sich darin eine Menge knisterndes Papier. Aufgeregt zerre ich mit meinen Pfoten und Zähnen daran. Bunte, glitzernde Bälle kommen zum Vorschein. Gekonnt schubse ich einen Ball aus der Schachtel. Mit lautem Scheppern zerbricht dieser in viele kleine Stückchen. 

„Hanni, du tust dir weh!“ Frauli tätschelt meinen Kopf. „Gerhard, bitte hol die Mistschaufel. Ich passe auf, dass die Katzen nicht in die Scherben steigen.“ Welch ein Spaß! Herrchen kehrt die Scherben auf die Schaufel und Nanni und ich versuchen, sie wieder hinunter zu stupsen! „Hanni, Nanni! Lasst das gefälligst! Gerhard, also wirklich.“ Frauli schnappt Nanni und mich, zieht uns von Herrchen weg.

 

Den vollständigen Artikel „Weihnachten mit Hanni & Nanni" von Roswitha Zatlokal finden Sie in der Sonderausgabe Weihnachten 2019 - Art.Nr. W2019.


Herr Feddersen und das Leben 

Roswitha Zatlokal

 

(Textauszug)

 

Herr Feddersen lebt ein sehr geordnetes, ja pedantisches, Leben. Jeden Tag weckt ihn der Radiosprecher um Punkt sechs Uhr mit den neuesten Nachrichten. Während er interessiert zuhört, erledigt er seine morgendliche Gymnastik. Außenstehende würden sein wildes Herumgefuchtle mit den Armen und Beinen weder als Radfahren (im Bett liegend) noch als Hampelmann (vor dem Bett hüpfend) erkennen, sein Engagement und seine Entschlossenheit jedoch wohlwollend zur Kenntnis nehmen. Nach der Morgentoilette holt Herr Feddersen die Zeitung aus dem Briefkasten. Er setzt sich mit seinem Frühstück, bestehend aus Kamillentee und zwei Butterbroten mit selbstgemachter Marillenmarmelade, an den Küchentisch und liest trinkend und kauend die Feldersheimer Morgenpost. 

Punkt sieben Uhr fünfzig verlässt Herr Feddersen das Haus. Die rechte Hand umklammert die Aktentasche mit den Schinken-Käse-Broten und einer großen Thermoskanne Pfefferminztee, die linke einen dunkelblauen Regenschirm. So ausgerüstet marschiert Herr Feddersen jeden Wochentag strammen Schrittes Richtung Bushaltestelle. Der Busfahrer wird morgens freundlich mit „Guten Morgen“, und abends mit „Schönen Abend“, begrüßt. Je nachdem, was dieser antwortet, entspinnt sich ein kurzes Gespräch über das Wetter zwischen den beiden Männern. Die restliche Busfahrt verbringt Herr Feddersen schweigend auf seinem Stammplatz direkt hinter dem Fahrer. Sollte dieser nicht frei sein, bleibt er vor dem Sitz stehen, verweigert vehement jegliches Nachrücken ins Wageninnere. Der Pförtner muss erst gar nicht von seinem Playboy aufschauen, er weiß auch so, wer leise grüßend morgens um halb neun und abends um Punkt fünf, den Blick nach unten gerichtet, den Hut tief in die Stirne gezogen, bei ihm vorbeihuscht. Herrn Feddersen untersteht als Leiter des Finanzwesens ein wichtiges, wenn nicht sogar das wichtigste, Ressort des Unternehmens. So wird er jedenfalls gerne bei den wenigen von ihm besuchten gesellschaftlichen Anlässen vorgestellt. Herr Feddersen spricht nicht gerne über sich selbst, ist deswegen mehr als peinlich berührt bei solcher Aussage. 

 

Die Kurzgeschichte „Herr Feddersen und das Leben" von Roswitha Zatlokal finden Sie in der Ausgabe Oktober 2019 - Art.Nr. 022019.


Im Zweifel für die Schriftstellerin

 

Roswitha Zatlokal

 

(Textauszug)

 

Verdammt, was habe ich denn da gestern wieder für einen Blödsinn verzapft! Der Anfang ist so was von Scheiße, spätestens beim dritten Satz steigt jeder aus. Meine Finger fliegen über die Tastatur, löschen Textpassagen, tippen neue Wörter. Zufrieden nickend zaubere ich neue literarischen Ergüsse auf den Bildschirm. Überzeugt nicke ich mir zustimmend zu um gleich darauf wieder entsetzt den Kopf zu schütteln. Mit jedem Tastendruck hoffe ich auf die perfekte Geschichte. Werde ich mich je daran gewöhnen, dass meine Anfänge zum Schmeißen sind? Schriftsteller erzählen immer wieder, dass ihre Rohfassungen Mist sind. Sollten sie Recht haben? So einen Mist nimmt mir doch niemand ab! Unzufrieden mit mir und meinem Text klappe ich den Laptop zu. Ich beschließe, das heutige Dilemma zu beenden. Ich kann nur hoffen, dass das Universum ein Nachsehen mit mir hat und mir eine Eingebung schickt. Bei diesem Gedanken muss ich kichern. Als ob das Universum sich schriftstellerisch betätigen würde, noch dazu für eine Ungläubige! Warum nicht gleich eine göttliche Eingebung? Ich lache laut auf. Amüsiert greife ich zu meinem Kaffeebecher. Bin ich wirklich so verzweifelt, dass ich sogar schon die Götter um Hilfe anflehe? 

Im Bett stöpsle ich mir ein Hörbuch ins Ohr. Für mich die beste Art, mein Gehirn auf Ruhemodus zu schalten. Damit beschäftigt, die halbe Nacht die Geschehnisse des Tages wiederzukäuen, würde es mir eine schlaflose Nacht bereiten. Nach wenigen Minuten bringen mich Jan Josef Liefers und Dr. Siri zur Ruhe. Ich spüre, wie sich mein Herzschlag der Lesestimme von Jan anpasst, mein Gehirn sich auf Dr. Siri und seinen neuesten Kriminalfall einlässt. Irgendwann döse ich ein, während er fleißig weiterermittelt.

 

Die Kurzgeschichte „Im Zweifel für die Schriftstellerin" von Roswitha Zatlokal finden Sie in der Ausgabe Oktober 2019 - Art.Nr. 022019. 


Angenehm, Roswitha Zatlokal, Schriftstellerin

 

Roswitha Zatlokal

 

(Textauszug)

 

„Kann man die auch abstellen?“ Wie oft sich meine lieben Anverwandten diesen Satz wohl anhören mussten? Kaum konnte ich sprechen, da quasselte ich meinem Umfeld die Ohren voll mit selbsterfundenen Geschichten, gab Regieanweisungen, mutierte zur Spielleiterin. Manchmal frage ich mich, wieso mich keiner ruhigstellte, ich keine auf mein nimmermüdes Plappermaul bekam. Mit Sicherheit lag das daran, dass ich die meiste Zeit mit meinem älteren Bruder und seinen Freunden verbrachte. Große Jungs schlagen keine kleinen blond gelockten Mädchen. Vor allem nicht, wenn sie daheim keinen Ärger bekommen wollen. In der Schule reduzierte ich meinen Redefluss gezwungenermaßen auf das Notwendigste, zumindest während des Unterrichts. Im Schreiben von ausschweifenden Aufsätzen fand ich die ideale Möglichkeit mich mitzuteilen, andere mit meinen Geschichten zu erfreuen. Ob das meine Lehrer damals auch so sahen? Da schlug sich zum Beispiel der Sonntagsfamilienausflug schon mal mit fünf Seiten zu Buche;  der meinen Weg kreuzenden Ringelnatter widmete ich ganze zwei eng beschriebene Seiten. Als Teenager tippte ich kleine Geschichten in meine alte Schreibmaschine. Irgendwann landeten sie alle ungelesen im  Mistkübel. Schade eigentlich. Für die Jüngeren unter uns: Damals gab es diese alten, mechanischen Schreibmaschinen, deren Bedienung einem einen wahren Kraftakt abverlangte. Man hämmerte wie wild auf die einzelnen Tasten ein, prügelte die Buchstaben regelrecht aus der Maschine heraus. Vormals liebevoll umsorge Fingernägel endeten oft als zersplitterte, abgebrochene Krüppel. Ich denke, aus diesem Grund trugen damals Schreibkräfte ihre Nägel generell kurz geschnitten. Ich erinnere mich, im Eifer des Gefechts rutschte mir einmal der Mittelfinger zwischen die Tasten, was höllisch wehtat. Als endlich die  elektrischen Schreibmaschinen in den Verkauf kamen, seufzte  nicht nur ich befreit auf. Am Anfang schlug ich derart auf die sensiblen Tasten, dass ich anstatt ganzer Wörter zeilenweise nur ein und denselben Buchstaben aufs Papier donnerte.

 

Die Kurzgeschichte „Angenehm, Roswitha Zatlokal, Schriftstellerin" von Roswitha Zatlokal finden Sie in der Ausgabe Juli 2019 - Art.Nr. 012019.