Der Zauber des Chianti

Petra Margrit Kern

 

(Textauszug)

 

Mit meinem kleinen blauen Fiat tuckere ich von Norden kommend in Richtung Toskana. Die Klimaanlage ist ausgefallen. Meine Kleidung klebt unangenehm am Körper. Beängstigend nah überholen mich die schweren Fernlastwägen. Konzentriert umklammere ich das Lenkrad. Die malerische Landschaft zieht an mir vorbei. Ich atme tief ein. Der süße Duft von wildblühendem Oleander lässt mich langsam eintauchen in die majestätische Schönheit der Natur. Ich habe mich verliebt. In die sanften Hügel mit ihren eleganten Zypressen. In die schlichten Steinhäuser, die eingebettet sind in endlose Weingärten und jahrhundertealte Olivenhaine. In den unwiderstehlichen Liebreiz der mittelalterlichen Städtchen. In Matteo. Ich verlasse die Hauptstraße und biege in einen sandigen Nebenweg ein. Dieser führt geradewegs zu einem kleinen Weingut. Nur noch die letzten holprigen Kilometer. Die mächtige Staubwolke, die ich hinter mir her ziehe, legt sich erst, als ich in der Hofeinfahrt parke. Mein Auto summt laut. Umständlich ziehe ich meine Reisetasche aus dem Kofferraum. 

„Ciao Amore! Finalmente sei arrivata!“, Matteo kommt lachend aus dem Haus. Sanft küsst er meine Stirn und nimmt mir das Gepäck ab. Bald darauf essen wir in einer nahegelegenen Trattoria zu Abend und plaudern bis in die frühen Morgenstunden. Meinen galanten Italiener habe ich vor kurzem auf einer Weinmesse kennengelernt und wir genießen die Tage der romantischen Zweisamkeit. Doch der Abschied fällt uns immer schwerer und nach einiger Zeit bittet mich Matteo zu ihm zu ziehen. Ich erliege seinem Charme, denn die Verlockung ist groß und der Umzug schnell vollzogen. Als wir die letzten Möbel aus dem Transporter schleppen und sich mein Bruder Michael von mir verabschiedet, wird mir plötzlich schlagartig bewußt, dass es nun kein Zurück mehr gibt. Meine Wohnung und meine Arbeit in Österreich habe ich gekündigt. Meine Brücken in die Heimat abgebrochen. Unvermittelt breche ich in Tränen aus. Ich schluchze laut und kann mich nicht beruhigen.

„Ist ja nicht für immer!“, sagt Michael mit belegter Stimme und nimmt mich tröstend in den Arm. Matteo schaut mich irritiert an. „Ich dachte, du freust dich?“

„Tu ich ja auch.“ Meine Hände zittern, während ich ein Taschentuch suche.

 

Die Kurzgeschichte „Der Zauber des Chianti“ von Petra Margrit Kern finden Sie in der Ausgabe Oktober 2019 - Art.Nr. 022019.

Petra Margrit Kern gewann mit ihrer Kurzgeschichte „Der Zauber des Chianti“ den Schreibwettbewerb der Schreib Was Ausgabe Juli 2019.