Elsa Rieger 

 

Elsa Rieger lebt und schreibt in Wien. Bisher sind einige Romane und Erzählbände erschienen. Sie bietet auch auf Grund ihrer Erfahrungen als ehemalige Buchhändlerin, über vierzig Jahre lang, unentwegt Lesende und Schreibende Lektorate für Kolleginnen und Kollegen an. 


Gedichte

Glockenschwingen Ausgabe April 2020    Und es begab sich Ausgabe Weihnachten 2019


Gedanken übers Schreiben

Elsa Rieger

 

(Textauszug)

 

1968. Ich war Lehrling in der renommiertesten Buchhandlung Wiens, im 1. Bezirk auf der Wollzeile. Zudem war ich der Flower-Power-Bewegung zugetan und den Büchern. Ich las von Kind an wie eine Geisteskranke, meine Eltern rätseln heute noch, wie ich damals ausgesehen habe; mein Gesicht war stets hinter aufgeklappten Buchdeckeln verborgen. Das setzte sich fort, daher gab es nur eines: Buchhandel. Nun, wie erwähnt, war es eine anerkannte literarische Buchhandlung, in der Verleger und Schriftsteller ein und aus gingen, bei uns einen türkischen Kaffee oder ein Glas Sekt tranken und übers Schreiben plauderten. Das erzeugte Sucht bei mir, ich begann zu schreiben. Meine ersten Texte zeichneten sich dadurch aus, dass sie schlecht waren. Sie hatten Windpocken in Form von Adjektiven und Füllworten; die Quintessenz des Inhalts dadurch komplett verwässert.

 

Den vollständigen Artikel „Gedanken übers Schreiben" von Elsa Rieger finden Sie in der Sonderausgabe März 2019 - Art.Nr. M2019.


Mein Personal macht, was es will! 

Elsa Rieger

 

(Textauszug)

 

Wenn die Sonne hinter den Dächern versinkt, wie Zarah Leander und Udo Lindenberg unnachahmlich singen, erwacht mein Autorengehirn. Nach einem doppelten Espresso setze ich mich an den Rechner, öffne den gerade aktuellen Text und warte auf meine Muse. An manchen Abenden lässt sie sich nicht blicken, aber heute überrumpelt sie mich geradezu mit wilden Küssen; das Personal springt auf und hüpft vor mir her, wirft sich von einem Konflikt in den nächsten; mit heraushängender Zunge folge ich, so schnell es geht. Ab und zu überhole ich die Figuren und verpasse ihnen einen Cliffhanger, um eine Zigarettenpause für mich herauszuschlagen. Doch schon geht’s weiter! Leander (wie kam ich nur auf so einen Namen?) entwickelt sich zu einer wahren Bestie – dabei war sein Charakter völlig anders angelegt. Was treibst du? Du solltest doch der umwerfende Lover sein! Als Heiratschwindler kann ich dich nicht brauchen. Ich versuche einen Schlenker, bei dem er sich richtig verlieben muss. Leider schießt Beate quer – sie denkt gar nicht daran, den Kerl zu verzaubern, gibt sich spröde und feministisch. Wo ist mein Vamp geblieben? Ich schreie die Zeilen auf dem Monitor an: Hey Leute, falsche Richtung! Das wird kein Krimi, sondern ein Liebesroman! Aus Erziehungsgründen tippe ich zehn Rufzeichen in den Text.Um ihnen die Gelegenheit zum Umdenken zu geben, geh ich aufs Klo. Dort grüble ich weiter. Also der Name Leander geht gar nicht, wenn er so ein mieser Charakter ist. Der muss anders heißen. Paul oder Kurt vielleicht. Ich ziehe die Spülung, wasch mir die Hände und suche für einen weiteren Espresso die Küche auf. Mit flatternden Fingern klopfe ich eine Zigarette aus der Packung. Rauche. Ich werde es euch schon zeigen! 

 

Die Kurzgeschichte „Mein Personal macht, was es will!" von Elsa Rieger finden Sie in der Ausgabe Juli 2019 - Art.Nr. 012019.


Figuren-Checkliste – 50 Fragen an den Charakter 

Elsa Rieger

 

(Textauszug)

 

Mithilfe dieses Fragebogens (aus Daidalos Rollenspielen entnommen) lässt sich der Homo fictus – der fiktive Mensch – leichter entwerfen und kennenlernen. Das bedeutet nicht, alle diese Details im Roman zu nutzen, es bedeutet: Die Autorin, der Autor kennt seine Figuren selbst ganz genau. Was passiert dadurch?

Wenn wir wissen, wie die Protagonisten, Antagonisten, Freunde etc. auf die Welt reagieren, wenn wir wissen, ob sie Pedanten oder Schlampsäcke sind, wie sie sich kleiden, wie ihre Kindheit verlaufen ist, ja, unter welchem Sternzeichen sie geboren wurden, dann verändert sich beim Schreibenden das Bewusstsein für die jeweilige Art der Figur beim Sprechen (Dialoge), bei Angstauslösern, wie sie oder er liebt, streitet, unglücklich oder glücklich ist. Und das, ganz ohne akribisch die Details aus der Liste unten als Info-Dumping in den Text zu bringen. Befassen wir uns genau mit der Liste und die Figuren werden mehrdimensional, sie werden echte Menschen für die Leserschaft. Los geht´s! Viel Vergnügen beim Kennenlernen Ihres Charakters!

 

 

Den Artikel „Figuren-Checkliste – 50 Fragen an den Charakter“ von Elsa Rieger finden Sie in der Ausgabe Juli 2019 - Art.Nr. 012019.


Jugendliebe

Elsa Rieger

 

(Textauszug)

 

Lilo stößt mit dem Einkaufswagen gegen einen anderen.

„Tschuldigung“, stotternd will sie weiter. 

„Lilo!“ ruft der bärtige Mann erfreut. Sie erschrickt, zuckt zusammen, als sie die Stimme erkennt. Nach zwanzig Jahren klingt sie immer noch vertraut. Zögernd gleitet ihr Blick über den rötlichen Vollbart, die Augenfältchen des Mannes. Ihr Herz stolpert. 

„Highlander“, stößt sie hervor. Sie weiß noch genau, wie die Clique ihm damals diesen Namen verpasste, aber seinen Vornamen hat sie vergessen. Auch das Lachen ist nicht mehr dasselbe – viel dunkler als früher. 

„Mensch, Lilo, so hat mich seit Jahren keiner mehr genannt!“

Die hellgrauen Augen blitzen sie an.

 

Die Kurzgeschichte „Jugendliebe" von Elsa Rieger finden Sie in der Sonderausgabe März 2019 - Art.Nr. M2019.