Der Zauber des Winters

Melanie Horngacher

 

(Textauszug)

 

Isa ist mit ihrem Bruder Kobi, der auf den Rollstuhl angewiesen ist, auf dem Weg in ein Nobelhotel. Es herrscht tiefster Winter und die Straßen sind miserabel geräumt. Und ausgerechnet jetzt bleiben sie auch noch mit dem Wagen im Schnee stecken. Schlimmer kann es für Isa, die Winterverächterin, kaum werden. Wäre da nicht Max, ihr Retter …

Ich kann nicht nachvollziehen, wieso manche Menschen den Schnee lieben. Er ist nicht nur langweilig farblos, sondern auch ungemütlich, gefährlich und macht einen Haufen unliebsame Arbeit. Von der Kälte und Nässe, die einem permanent unter die Kleidung kriecht, ganz zu schweigen. Was finden die Leute daran romantisch? Auch dem Wintersport kann ich nichts abgewinnen, erst recht nicht, seit mein Bruder Kobi einen schweren Skiunfall hatte und nun auf den Rollstuhl angewiesen ist. Morgen hat er einen Termin bei einem Spezialisten, der ihn eventuell operieren könnte. Reges Schneetreiben lässt uns auf dem Weg zum Fünfsternehotel, das Kobi für uns gebucht hat, nur im Schneckentempo vorankommen. Das Navi lotst uns auf eine unscheinbare Nebenstraße, während der Wind die weißen Wattemützen heftig durcheinanderwirbelt. Hier ist nicht geräumt worden und ich muss Schwung holen, um den leichten Anstieg zu bewältigen, auf dem eine Gruppe Touristen gemächlich durch den Schnee stapft. Unser Ziel liegt genau oberhalb des Hügels und heißt uns bereits willkommen. Ich hoffe, das hebt die Stimmung meines Bruders ein wenig, der die gesamte Fahrt nur geschwiegen oder gemeckert hat.

„Du musst hupen, Isa“, fordert er mich ungehalten auf, als er bemerkt, dass ich vom Gas runtergehe, „wenn die nicht aus dem Weg gehen, packst du das nicht! Hup doch endlich! Und gib Gas!“ Ich tue wie mir geheißen, doch die Leute legen kein bisschen an Tempo zu. „Ja, spinnen die“, schimpft mein Beifahrer und mir bricht der Schweiß aus, weil klar ist, dass er es viel besser könnte. Ich bin viel zu zaghaft, ein echter Angsthase. „Scheiße, Isa, bloß nicht stehen bleiben.“

„Ich kann die doch nicht über den Haufen fahren“, rechtfertige ich mich händeringend, bin gezwungen anzuhalten und komme nun natürlich nicht mehr vom Fleck. Wir haben den Parkplatz zwar erreicht, aber erstens kann ich das Auto unmöglich in dieser Position stehen lassen und zweitens: wie bekomme ich Kobi mit seinem Rollstuhl durch den Tiefschnee zum Hoteleingang? Von den Touris, die uns grade noch im Weg standen ist jetzt weit und breit niemand mehr zu sehen. Kobi flucht lautstark, während ich jeglichen Kommentar hinunterschlucke und versuche, meinen Wagen irgendwie von der Stelle zu bekommen. Rückwärts, vorwärts, viel Gas, wenig Gas … Doch die Reifen haben sich komplett im Schnee eingegraben.

„Gott, wie du dich anstellst … das ist soo typisch!“

„Wie wär’s, wenn Sie mal die paar Schritte zu Fuß gehen, Sie junges Gör“, erschreckt mich ein älterer Mann mit seinem Auftauchen.

„Das würde ich ja, aber …“

„Faules Pack! Da sehen Sie mal, was Sie angerichtet haben! Hier kann kein Mensch mehr vorbei … und wer soll sich jetzt um Ihren Wagen kümmern?“

Die Worte des Mannes treffen mich, trotzdem versuche ich, ihn zu ignorieren.

„Wie wär’s wenn Sie mal mit anpacken, anstatt große Reden zu schwingen“, höre ich auf einmal eine andere, ungeduldige Stimme hinter mir, die jedoch nicht an mich gerichtet ist. „Darf ich?“, fragt der Neuankömmling, der kaum älter ist als ich, freundlich und wartet auf mein perplexes Nicken, bevor er sich auf den Fahrersitz schwingt. „Und Sie schieben rechts vorne“, weist er den Alten an, dessen Kopf sich tomatenrot verfärbt, bevor er sich kopfschüttelnd entfernt, ohne uns zu helfen.

Der Fremde startet das Auto, das ich vorhin abgewürgt habe. Ich positioniere mich an der rechten vorderen Stoßstange und lege abwartend meine Hände darauf, bereit, all meine Kräfte zu mobilisieren.

„Was soll das denn jetzt?“, tönt Kobis Stimme von der Beifahrerseite.

„Still sein oder selber machen“, erstickt der Fremde seine Einwände im Keim.

 

Die Kurzgeschichte Der Zauber des Winters" von Melanie Horngacher finden Sie in der Ausgabe Januar 2020 - Art.Nr. 032020.