Mein Sonnenschein

Karin Derksen

 

(Textauszug)

 

„Du bist der dümmste, der allerdümmste Vampir, dem ich jemals begegnet bin.“

Ich unterdrückte ein entnervtes Stöhnen, während ich ein schickes, blaues Oberteil zusammenfaltete und im Koffer verstaute.

„Ich meine, ist das dein Ernst? Dein verdammter Ernst?“, zeterte mein bester Kumpel, Adrian, weiter, die Arme mal vor der Brust verschränkt, mal wild gestikulierend. Momentan stand er still, aber vermutlich würde er gleich wieder anfangen, auf und ab zu gehen.

„Es sind nur ein paar Tage“, versuchte ich, ihn zu beschwichtigen.

„Und wenn es nur ein paar Stunden wären – du bist sowas von saudumm, mir wird schlecht.“

Ich rollte mit den Augen, was Adrian glücklicherweise nicht sehen konnte, da ich mit dem Rücken zu ihm stand und weiter meinen Koffer packte. Auf dem Weg zur Kommode, um Socken zu holen, stieß ich beinahe mit Adrian zusammen, der wieder durch das Zimmer tigerte und weiter sprach: „Die Kleine ist es nicht wert. Du bringst dich noch um, nur um ihr zu gefallen. Sie wird dich sowieso früher oder später verlassen, du komplett hirnverbranntes Wesen. Sie ist Veganerin! Was wird sie sagen, wenn sie herausfindet, dass du ein Vampir bist?“

Ich wollte mir nicht anmerken lassen, wie seine Worte mich verletzten, und sagte mit meiner üblichen, ruhigen Stimme: „Wenn du nur hier bist, um meine Beziehung und Entscheidungen zu kritisieren, kannst du gleich verschwinden. Sie hat mich zu diesem Urlaub eingeladen, ich habe Ja gesagt, Ende der Diskussion. Du malst nur den Teufel an die Wand. Mir passiert schon nichts.“

Er sah mich völlig entgeistert an. „Dir passiert schon nichts? Du fliegst doch nicht nach Nebraska oder Kanada, nein, du fliegst nach Florida, den Sunshine State! Muss ich das für dich übersetzen?“

„Na und? Ich habe doch einen Hut dabei.“ Der Unglaube und Frust in Adrians Augen hätten lustig sein können, hätte er in diesem Moment nicht laut aufgeschrien und mich damit genötigt, meine Nachbarn überzeugen zu müssen, dass alles in Ordnung sei, nein, mich habe niemand versucht umzubringen, da habe sich nur wer den Zeh gestoßen, übrigens flöge ich morgen mit meiner großen Liebe in den Sommerurlaub.

 

Die Kurzgeschichte „Mein Sonnenschein“ von Karin Derksen finden Sie in der Ausgabe Januar 2020 - Art.Nr. 032020.