Jessie, eine Schachtel und der Strand von San Michele

Britta Bendixen

 

(Textauszug)

 

Bedrückt schließe ich meinen Fiat auf und steige ein.

»Sie dürfen das nicht zu nah an sich heranlassen«, riet mir meine Chefin, als ich mich in den Feierabend verabschiedete, doch das ist leichter gesagt als getan. Vor meinem inneren Auge sehe ich noch immer den herzerweichenden Gesichtsausdruck der Frau, die sich von unserer Kanzlei Hilfe erhofft. Ihr Noch-Ehemann beleidigt und bedroht sie, schickt laufend bösartige Nachrichten und hetzt die Kinder gegen sie auf. Natürlich gibt es rechtliche Möglichkeiten, doch der Kummer dieser Mandantin nimmt mich echt mit. 

Ich drehe den Zündschlüssel und rolle wenig später vom Firmenparkplatz. So langsam zweifle ich daran, dass Anwältin der richtige Beruf für mich ist. Die Theorie fiel mir leicht, doch nun, da ich die harte Praxis im Referendariat mitbekomme, fürchte ich, einen riesigen Fehler gemacht zu haben. Als an einer roten Ampel die Klavierklänge von ‚Jessie‘ aus dem Radio fließen, muss ich schlucken. Bei diesem Lied geschieht das immer, denn es holt einen Haufen romantischer Erinnerungen aus der Kramkiste meines Gehirns, so wie ein Magier ein Kaninchen aus dem Hut zieht. 

Die Ampel springt auf Grün und zeitgleich erklingt die sanfte Stimme von Joshua Kadison. Sie gibt mir den Rest. Ich beginne hemmungslos zu heulen, muss mir ständig über die Augen wischen, um nicht blind zu fahren. Er singt von einer Frau namens Jessie, die ihn anruft und dazu überredet, gemeinsam mit ihr in einem Trailer nach Mexiko zu fahren, um Tequila zu trinken und nach Muscheln zu suchen. Er ringt mit sich, kann ihr aber nicht widerstehen. Wechsle den Sender, drängt eine Stimme in meinem Kopf, doch das bringe ich nicht fertig. Ich liebe diesen Song so sehr, erinnert er mich doch lebhaft an Manuel, diesen liebenswerten und verrückten Mistkerl. Ich lausche Joshuas sehnsüchtigen Worten, während ich in meiner Handtasche nach einem Taschentuch suche. Selbst, wenn man das Lied zum ersten Mal hört, spürt man vermutlich, dass die Story nicht gut endet, dass Joshua am Schluss allein und todtraurig sein wird.

So erging es mir auch jedes Mal mit Manuel. Er ist wie Jessie; eine rastlose Seele, die Herzen ebenso berührt wie bricht. Deshalb muss ich jedes Mal weinen, wenn ich diesen Song höre. Schmerz, Sehnsucht und Wehmut erwachen und drücken auf meine Tränendrüsen. Es ist ein kleines Wunder, dass ich zwar verheult aber heil zu Hause ankomme. Als ich die Treppe zu meiner kleinen Wohnung hinaufgehe, öffnet sich die Tür der Hausmeisterin.

»Sie, I hob da wos für Eahna«, ruft sie mir zu, dreht sich um und ist weg. Ich nutze die Zeit, um meine Wangen trockenzuwischen und die schlimmsten Spuren meines emotionalen Ausbruchs zu entfernen. »Jo mei, haben’S neue Schuh bestellt, jetzt, wo der Frühling kimmt?«, will sie wissen, während sie mir lächelnd ein Paket in die Hand drückt.

 

Die Kurzgeschichte „Jessie, eine Schachtel und der Strand von San Michele“ von Britta Bendixen finden Sie in der Ausgabe Oktober 2019 - Art.Nr. 022019.

Britta Bendixen gewann mit ihrer Kurzgeschichte „Jessie, eine Schachtel und der Strand von San Michele“ den Schreibwettbewerb der Schreib Was Ausgabe Juli 2019.