Hubert Herzog

 

Hubert Herzog wurde 1977 in Wien geboren, wo er auch 1996 an der Höheren Technischen Lehranstalt für EDV und Informatik Spengergasse 1050 Wien maturierte. Nach Ableistung des Präsenzdienstes begann er 1997 seine berufliche Karriere im ITBereich beim Versicherungsunternehmen Interunfall. Es folgte ein Kurzengagement beim Softwareanbieter Paradine AG, ehe Herzog im Winter 2001 zu Raiffeisen wechselte. Neben seinem Hauptberuf engagiert sich Hubert Herzog als Fußballhistoriker und publiziert von Zeit zu Zeit in diversen Sportmedien. Erste literarische Schritte unternahm der Autor bereits im Kindesalter, die Projekte blieben jedoch unvollendet und so dauerte es bis 2017, ehe sein erster Roman „Kennen Sie Proust?“ fertiggestellt wurde. Inspiriert von seinem Interesse für Psychologie und Philosophie kreisen seine Themen stark um den Kosmos der Emotionalität und die Herausforderungen des Lebens. Nach seinem Debüt-Roman „Kennen Sie Proust?“, mit dem er den „Best Author 2018 Award“ des Karina-Verlags erringen konnte, hat er nun sein zweites Werk veröffentlicht. 


Wiener Lebensspiel

 

Hubert Herzog

 

(Textauszug)

 

Der Eduard war ein Wiener

 

Doch eigentlich war er auch kein richtiger Wiener, zumindest sagte das der Opa immer. Denn für einen Wiener war der Eduard viel zu freundlich. Der Herr Schrabek aus dem 4. Stock – der war ein echter Wiener. Der Herr Schrabek war schon recht lange ein echter Wiener, weil er schon recht alt war. Er hatte einen weißen Bart und meistens trug er einen dunklen, etwas schäbigen Anzug, der an den Beinen schon mehr grau als schwarz war, und an den Enden war er etwas ausgefranst. Außerdem hatte der Herr Schrabek immer einen Hut auf, auch wenn die Sonne schien. „Dann besonders“, hatte er geantwortet, als ihn der Eduard einmal gefragt hatte. „Dann besonders, weil die blöde Sonne einem nur einen Sonnenbrand verursacht.“ Wenn es regnete, hatte der Herr Schrabek den Hut etwas tiefer ins Gesicht gezogen. „Weil der blöde Regen sonst auf die Nase tropft und dann verkühl ich mich wieder.“ Im Winter war es immer viel zu kalt und im Sommer zu heiß. Wenn der Herr Schrabek über den Hof ging, dann schimpfte er immer mit dem ersten Buben, den er zu Gesicht bekam, dass es schon wieder zu laut herging und dass rechtschaffene Leute, damit meinte er selbstverständlich sich selbst, ihre Ruhe brauchten. „Früher war nicht so ein Wirbel hier. Aber seit diese Gfrasta keine Erziehung mehr bekommen, geht alles den Bach runter“, murmelte er dann in seinen Bart hinein und ging grantig weiter. Wenn die Frau Blaha aus dem zweiten Stock dem Eduard wieder einmal erzählte, dass das Granteln in Wien erfunden wurde, dann dachte der Eduard immer an den Herrn Schrabek. Ob er das Granteln erfunden hatte? Gerne hätte er den Herrn Schrabek gefragt, aber das hat sich der Eduard dann doch nicht getraut. Und als der Herr Schrabek viele Jahre später gestorben war, hat er dieses Geheimnis mit ins Grab genommen. Der liebe Herrgott hat dem Herrn Schrabek ein besonders langes Leben beschert. 93 Jahre ist er alt geworden. Der Herr Schrabek, der die letzten Jahre oft mit seinem Anzug auf der Bank im Hof gesessen ist und Tauben gefüttert hat, hat dann immer gesagt, dass der liebe Herrgott ihm das sicher zu Fleiß machte, um ihn möglichst lange in diesem lauten Hof zu ärgern. Als der Herr Schrabek gestorben war, überlegte der Eduard, ob es im Himmel jetzt auch eine Bank mit Tauben gab, vermutlich mit weißen, die der Herr Schrabek jetzt mit himmlischen Brotkrümeln fütterte, und ob der Herr Schrabek im Himmel auch noch grantig war.

 

Den vollständigen Artikel finden Sie in der Ausgabe April 2020 - Art.Nr. 042020.