Andreas Kircher

 

Geburt: 7.4.1962 in Innsbruck, Kindheit von 1962 – 1970 in Mösern (Telfs), Jugend von 1970 – 1979 in Scharnitz, aufgewachsen in der Nähe von Seefeld in Tirol, lebt seit 1979 in Innsbruck. Kinderlos, Lebensgemeinschaft mit einer Frau. Kaufmännische Ausbildung: Lehre als Großhandelskaufmann, Handelsschule,Handelsassistent, Studienberechtigungsprüfung in BWL, Beschäftigung im Großhandel und Spedition. Andreas Kircher hat das Schreiben aus Leidenschaft zu seinem Beruf gemacht. Er liebt die Natur, das Wandern in Tirols Bergen und sieht häufig alte Krimis an. 


Unter Verdacht

Andreas Kircher

 

(Textauszug) 

 

Wir schrieben das Jahr 1641. Onkel Meinhard Flechtenmacher und ich, sein Neffe Matthias Höllrigl, landauf landab geschätzte Handwerker aus Rattenberg, boten am Oberen Stadtplatz in Hall Korb- und Flechtwaren aus Meisterhand feil. Der Handel verlief für uns tüchtige Kaufleute außergewöhnlich gewinnbringend. Die gut gehenden Verkäufe füllten die prallvollen Geldbeutel zu unserer vollsten Zufriedenheit bis an den obersten Rand. Mir sollte aber ab jenem schicksalsträchtigen Tag durch das anfängliche Zusammenfinden mit der Cornelia Kornreif, einer ehrbaren Jungfrau aus dem auswärtigen Mils, noch riesige Freude beschieden sein. Mich entzückte der betörende Liebreiz des zierlichen, zauberhaft hübschen Fräuleins bäuerlicher Herkunft. Die Cornelia eroberte im Handumdrehen mein Herz. Sie raubte mir, einem 22-jährigen Junggesellen im besten Heiratsalter, sofort den Verstand. Das mich umgarnende verführerische Weibsbild beeindruckte mich derart, dass ich der ausgesprochen willkommenen Einladung zu ihr auf den Bauernhof unmöglich widerstehen konnte. Ich sagte ihr ohne vorherige Absprache mit Meinhard spontan zu. Dem dortigen Erstbesuch am darauffolgenden Wochenende ging ein heftiger Streit mit Meinhard voraus, dem hierfür jegliches Verständnis fehlte. Das wohlbegründete Begehren stieß auf Meinhards schroffe Ablehnung. Für ihn, den Geschäftsmann, hatte der fließende Gulden, die Geldgier eindeutig Vorrang. Ich hätte ihn nach vorangegangener Vereinbarung zum Verkauf der restlichen zehn Körbe und zusätzlichen Verhandlungen über größere Abnahmemengen zu Fernhändler Konrad Körbel ins südliche Sterzing begleiten sollen. Wir gerieten in einem lautstarken Wortgefecht aber auch wegen Meinhards beabsichtigter Weiterfahrt unmittelbar über den Volderwald beinahe handgreiflich aneinander. Ich riet ihm von der Benützung der Fahrstrecke aus gegebenem Anlass ab. Bekanntlich wurden über die berüchtigte und verrufene Gegend seit geraumer Zeit böse Gerüchte in Umlauf gesetzt. Demzufolge verschwanden in ihr Nah- und Fernreisende auf mysteriöse Weise auf Nimmerwiedersehen. Keiner der Verschollenen ist samt Gefährt, mitgeführtem Hab und Gut sowie dem Pferd jemals wieder aufgetaucht. Nachforschende Angehörige wie Familienmitglieder, Verwandte oder Arbeitskollegen der Abgängigen machten trotz eifrigen Nachfragens nirgendwo fassbare Spuren aus. Gerade erst hatte ich während des Marktgeschehens einer Meinungsverschiedenheit zwischen Meinhard und dem alteingesessenen, ihm freundschaftlich verbundenen Bierbrauer Heimo Rathgeber gelauscht, in der ihn der Ortskundige vor der leichtsinnigen Durchquerung des vorgenannten Gefahrenbereiches eindringlich warnte. Heimo kannte eines der Tötungsopfer persönlich. Der eigensinnige Meinhard horchte einfach auf niemand. Ihn zwangen unvorhergesehene Verzögerungen zur eiligen Abreise. So benötigte er für die termingerechte Ankunft im entlegenen Sterzing aufgrund der Zeitknappheit den kürzesten Anreiseweg über den Volderwald. Somit war mein massives Zureden, das verzweifelte Anflehen und Bitten, seiner eigenen Sicherheit wegen, umsonst. Er entschied sich nicht für die von mir vorgeschlagene langgezogene, kurvenreiche, schlecht ausgebaute, um einiges zeitaufwendigere Ausweichstrecke über Innsbruck. Dieser eigenwillige und uneinsichtige Sturschädel, der Unbelehrbare, der sich in wichtigen Dingen von anderen rein gar nichts sagen und anschaffen ließ, setzte auch diesmal unbedingt seinen Dickkopf durch: „Dummes Zeug! Blödes Geschwätz! Erfundene Schauermärchen! Unzählige Fuhrknechte sind auf den Handelswegen an natürlichen Krankheitsursachen oder Unfallfolgen gestorben! Lass mich mit dem Unfug, dem Quatsch in Ruhe! Derlei abwegige Geschichten und Erzählungen unbewiesener Raubmorde aus mündlichen Überlieferungen gehören wie frei ersonnene Sagen vielerorts zum völkischen Aberglauben!“ Ich fühlte mich für Meinhard aus familiärer Zugehörigkeit verantwortlich. Freilich überlegte ich wegen der unerlässlichen Notwendigkeit eines Begleitschutzes unentschlossen hin und her. Ich wollte mich starken Selbstvorwürfen, wie dass ich ihn aus schuldhaftem Verhalten auf sich gestellt hilflos in Stich gelassen hätte, im Nachhinein keineswegs aussetzen.

 

Die Kurzgeschichte „Unter Verdacht" von Andreas Kircher finden Sie in der Ausgabe April 2020 - Art.Nr. 042020.