Sabine Reifenstahl

 

Sabine Reifenstahl lebt in Mecklenburg. Beruflich mit Zahlen und Fakten beschäftigt, lässt sie sich in der Freizeit von den Legenden der Antike faszinieren. Bücher sind ihre Leidenschaft, selbst zu schreiben die logische Konsequenz.

2017 wurden einige ihrer erotischen Geschichten unter Pseudonym veröffentlicht. Erstmals die eigenen Texte in einem gedruckten Buch zu sehen und dieses auf einer Buchmesse zu signieren, war ein magischer Moment und spornte zum Weitermachen an. Durch die Teilnahme an Literatur-Ausschreibungen fanden viele ihrer Kurzgeschichten den Weg in die Anthologien unterschiedlicher Verlage.

Die Autorin möchte den Leser in fremde Welten und zu neuen Ufern entführen, mythische Länder oder menschliche Grenzbereiche zeigen. Dabei wirbt sie für Toleranz, denn die unzähligen Facetten von Leben und Liebe schillern bunt.

 

Ihr Debütroman erscheint voraussichtlich 2020 im MAIN-Verlag, für ein anderes Herzprojekt, ihren Fantasy-Roman mit mythologischen Anklängen, unterschrieb sie einen Vertrag. 

 


Du die Erde, ich der Wind ...

Sabine Reifenstahl

 

(Textauszug)

 

 Sommer, Sonne, dumme Einfälle. Vielleicht brachte die ungewöhnliche Hitze des Jahrhundertsommers das Blut in Wallung – oder kochte einfach das Hirn weich. Jedenfalls stieß Anna in jenen Tagen das Eheeinerlei besonders auf, animierte zum spontanen Ausbruchsversuch. Aus dieser Laune heraus meldete sie sich in einem einschlägigen Seitensprung-Forum an.

In der Mittagspause schaute die brünette Mittdreißigerin auf ihr Smartphone und hob irritiert die Brauen beim Lesen der Angebote: Prahlereien mit Länge und Dicke waren noch die harmloseren. Ein paar Chatverläufe später und angewidert von diversen Fotos, wollte sie bereits fluchtartig den Account löschen. War eine idiotische Idee!

„Sex wird dein Herz nicht retten, dazu musst du das Bollwerk darum zerschlagen!“

Überrascht las Anna die Zeilen und legte das Handy hastig beiseite.

Doch die Worte verfolgten sie bei der Arbeit. Obwohl kaum mehr als eine hingeworfene Phrase, enthielten sie Wahrheit. Schneller Sex ohne Liebe? Was mache ich hier eigentlich? Es geht mir doch gut, ich habe einen netten Mann und wunderbare Kinder!

Nett ist nicht genug, keiner von ihnen sieht mich noch. Ich bin ein Dienstleister, der das Leben seiner Familie angenehm macht, und komme selbst zu kurz. Die Mauern um mein Herz wurden von jahrelanger Ignoranz und Selbstverständlichkeit errichtet, eine schnelle Nummer kann sie nicht einreißen!

Betroffen von der Erkenntnis legte Anna die Finger auf der Computertastatur ab. Hinter einem Tränenschleier verschwamm der angefangene Behördenbrief. Nach kurzem Zögern ergriff sie ihr Mobiltelefon, sah, dass der Unbekannte eine Einladung zu einem anonymen Messenger-Dienst gesendet hatte, bestätigte den Link und atmete auf, da dort keine privaten Daten abverlangt wurden. Das versprach relative Sicherheit. Nur ein bisschen reden.

Unwissentlich traf der Fremde genau ins Schwarze. Das machte ihn interessant. Die Art zu formulieren ebenso. Wer benutzt heute Begriffe wie Bollwerk? Im Bauchraum schien ein Insektenschwarm Quartier zu beziehen, löste vermisste Gefühle aus. Rasch wurde ein „Hallo, freue mich, dich kennenzulernen!“ getippt, um dann dem Feierabend entgegenzufiebern.

Nachmittägliche Schwüle empfing Anna beim Verlassen des Büros. Sie schlenderte zum Brunnen, beobachtete planschende Kinder, zog kurzentschlossen die Schuhe aus und setzte sich auf den breiten Rand, genoss den Augenblick.

Vibrieren schreckte sie auf, eine neue Textnachricht: „Wie geht es dir? Ich wollte dir nicht zu nahetreten, dachte, wer die Worte versteht, ist vielleicht eine verwandte Seele.“

„Klingt kitschig, doch das Gefühl hatte ich auch.“

„Dann haben wir nichts zu verlieren! Ich bin Jonas“, kam sekundenschnell die Erwiderung.

Grübelnd ging Anna den alltäglichen Verpflichtungen nach: einkaufen, Essen kochen, Kinder und Mann versorgen.

 

Die Kurzgeschichte „Du die Erde, ich der Wind ...“ von Sabine Reifenstahl finden Sie in der Ausgabe Juli 2020 - Art.Nr. 052020